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Kurhaus Wiesbaden

Den Sommern in Johannes Brahms' kompositorischem Schaffen hat die Musikwelt ganz besonders viel zu verdanken. Zeit seines Lebens war er in den Sommermonaten sehr produktiv. Er, das Stadtkind, liebte frische Luft, landschaftlich schöne Gegenden und die Natur. Mit vierzehn Jahren, 1847, erlebte er zum erstenmal eine Sommerfrische in dem hannoverschen Städtchen Winsen an der Luhe, wo ein Männerchor bestand, mit dem er üben durfte und für den er eigene Kompositionen schrieb. Seit den sechziger Jahren verbrachte er dann jedes Jahr einige Wochen, später sogar einige Monate, in reizvoll gelegenen Kurorten. Oft verließ er Wien kurz nach seinem Geburtstag am 7. Mai und kehrte erst im September dorthin zurück. Besonders berühmt geworden sind seine "Symphonischen Sommer". Er, der mit der Symphonie mehr Schwierigkeiten als mit jeder anderen Gattung hatte und noch in den siebziger Jahren an einen Freund schrieb, er werde nie eine Symphonie komponieren, da er den Riesen Beethoven hinter sich marschieren höre, brauchte den Ortswechsel, die Ruhe und die Konzentration dieser Sommerwochen, um seine Symphonien auszuarbeiten und zu vollenden.

So wie die anderen Orte seines symphonischen Schaffens ist auch Wiesbaden in die Musikgeschichte eingegangen. Hier hat Brahms im Sommer 1883 seine 3. Symphonie F-Dur (op. 90) ausgearbeitet, diese ausgewogenste der vier, ein lichtvolles, strahlendes Werk. Er selbst bezeichnete sie als seine "Wiesbadener Symphonie".

Zur Vorgeschichte dieses Aufenthaltes im Sommer 1883 gehört seine Freundschaft mit der Familie von Beckerath, die er vermutlich schon 1874 auf dem Niederrheinischen Musikfest in Köln kennenlernte, als er dort sein "Triumphlied" dirigierte.

Die BeckerathsRudolf von Beckerath war Weingutsbesitzer in Rüdes-heim und stammte aus einer musikbegeisterten Umgebung. Als er Brahms spontan einlud, mit ihm auf sein Weingut am Rhein zu fahren, stimmte der Komponist gleich zu. Brahms fühlte sich in der zwanglosen Atmosphäre dieses Hauses sofort wohl. Neben seiner Sympathie für Rudolf von Beckerath und dessen Frau Laura hat sicher die Tatsache eine Rolle gespielt, daß Rudolf ein guter Liebhaber-Violonist und seine Frau eine hervorragende Klavierspielerin war. Schnell entwickelte sich zwischen dem damals schon berühmten Komponisten und seinen neuen Freunden ein vertrauensvolles Verhältnis, das folgende Anekdote veranschaulichen mag: Brahms, der den Rheingauer Wein sehr liebte, nahm an einer Weinprobe teil, deren kostbarster Tropfen ein Rauenthaler Fünfundsechziger war. Der Hausherr kommentierte den Wein mit den Worten: "Was Brahms unter den Komponisten, das ist dieser Fünfundsechziger unter den Rheinweinen!" Brahms erwiderte: "Dann geben Sie uns doch mal 'ne Flasche von dem alten Bach!"

Schon bald kam der Gedanke an eine gemeinsame Wanderung in die Alpen auf, nach Brahms' Konzertreise in die Schweiz. Als es soweit war, zögerte Brahms jedoch; er wollte die Zeit lieber für Kompositionen nutzen, obwohl ihn der Anblick des Mont Blanc sehr reizte, wie er seinem Verleger Simrock brieflich gestand. Im Juli tauchte Simrock mit Rudolf von Beckerath unerwartet in Brahms' damaligem Sommerquartier in Rüschlikon am Züricher See auf. Die nun folgende achttägige Wanderung in das Gletschergebiet am Gorner Grat, zum Genfer See und schließlich nach Lausanne behielt Brahms fortan in bester Erinnerung. In diesen unbeschwerten Tagen ist der Grundstein für seine lebenslange Freundschaft mit den Beckeraths gelegt worden.

Die nächsten Jahre konnte Brahms, der ausgedehnte Konzertreisen unternahm, um sein Werk bekannt zu machen, keine Zeit finden, die Einladungen der Rüdesheimer anzunehmen. Doch man korrespondierte brieflich und Gelegenheit, sich zu treffen, boten zahlreiche Konzerte, die Brahms zum Beispiel in Düsseldorf oder Krefeld gab.

Brahms hatte zwar in diesen Jahren öfter einen Besuch in Rüdesheim angekündigt, doch andere Verpflichtungen ließen ihn seine Pläne in letzter Minute ändern. Erst im Frühjahr 1883 war es dann endlich soweit. Brahms traf am 17. Mai in Rüdesheim ein - nur für ein paar Tage, wie er meinte. Schnell hatte Laura von Beckerath eine passende Bleibe für den Komponisten gefunden. Das Quartier befand sich in der Geisbergstraße 19 (heute Schöne Aussicht Nr. 7), auf halber Höhe zum Neroberg. Das helle, klassizistische Haus gehörte ursprünglich dem Maler Ludwig Knaus, dem "hessischen Waldmüller". Neben dem großen saalförmigen Atelierraum mietete Brahms vier Zimmer in dem eingeschossigen Gebäude, in dem sonst nur noch seine Zimmerwirtin, die Leutnantswitwe Bertha von Dewitz, wohnte. Hier hatte er die notwendige Ruhe und Abgeschiedenheit, um konzentriert arbeiten zu können. Zudem umgab das Anwesen ein schöner Garten mit alten Bäumen und von dort oben hatte man den herrlichsten Blick über ganz Wiesbaden. Außerdem bot das Haus dem Komponisten die Vorteile der vorjährigen Wohnung in Bad Ischl: Neben dem eigentlichen Zugang, damals von unten her, gab es ein Gartentürchen nach oben heraus, durch das Brahms entschlüpfen konnte, wenn er sah, daß von unten Störung durch Besuch drohte.

Mit der Besitzerin des Anwesens hatte er ein herzliches Verhältnis; in seinen Briefen bezeichnete er sie scherzhaft als "Die Alte vom Berge" und es gibt auch eine Anekdote, die Einblick gibt in Brahms' bescheidenen und rücksichtsvollen Charakter: Wenn er abends spät nach Hause kam, zog er sich seine Stiefel schon vor der Türe aus und ging die Treppe auf Strümpfen hinauf, um die schon schlafende Frau von Dewitz nicht zu stören.




"Ich wohne hier reizend, aber als ob ich es Wagner nachtun wollte! Ursprünglich von Knaus als Atelier gebaut, ist es nachträglich zum hübschesten Landhaus geworden, und so ein Atelier gibt ein herrlich hohes, kühles, luftiges Zimmer! Unsere Gesellschaft hier würde Dir ungemein behagen!"

(Johannes Brahms an Theodor Billroth,
Wiesbaden, 27. Juni 1883).

aus: Johannes Brahms in den Bädern Baden-Baden – Wiesbaden – Bad Ischl - Karlsbad, herausgegeben von der Stadt Baden-Baden, 1997, S. 5


Begeistert berichtete Brahms zahlreichen Freunden in seinen Briefen von seinem Wiesbadener Quartier: "Ich wohne hier reizend, aber als ob ich es Wagner nachtun wollte. Ursprünglich... als Atelier gebaut ist es natürlich zum hübschesten Landhaus geworden und so ein Atelier gibt ein herrliches, hohes, kühles luftiges Zimmer...", schrieb er an Theodor Billroth.

An seinen Freund Heinrich von Herzogenberg notiert er: "Habe eine ganz unglaublich hübsche Wohnung gefunden. Es ist wirklich der Mühe wert und in jeder Hinsicht zu wünschen, daß Sie sie sich ansehen. Ohne Neid können Sie sie sich freilich nicht anschauen - aber tun Sie es doch..."

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Neben der ungestörten Ruhe zeichnete sich das Haus in der Geisbergstraße durch einen weiteren entscheidenden Vorteil aus. Praktisch von der Haustüre aus konnte Brahms seine ausgedehnten Spaziergänge auf den Neroberg und in den Taunus unternehmen. Bekanntlich komponierte er nicht mit Notenpapier und Feder in der Hand, sondern pflegte mit seinen musikalischen Einfällen spazierenzugehen. Er ging erst an die Niederschrift eines Stückes, wenn ein musikalischer Gedanke oder auch ein ganzes Werk in seiner inneren Vorstellung Gestalt angenommen hatte. Die wenigen erhaltenen Skizzen weisen kaum Korrekturen auf und kommen der Endfassung ziemlich nahe. Die Spaziergänge waren mit konzentrierter geistiger Arbeit ausgefüllt; während dieser Wanderungen reiften seine Werke zu einer Stufe heran, wo sie nur noch in äußerster Sammlung zu Papier gebracht werden brauchten.

Das Schreiben erledigte Brahms frühmorgens und vormittags. Sein Tagesrhythmus war genau eingeteilt: Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.

Die Nachmittage und Abende verbrachte er oft in geselliger Runde. Auch an den anderen Ferienorten war er immer von Freunden umgeben, die er oft durch eindringliche Briefe (siehe das Zitat aus seinem Brief an von Herzogenberg) veranlasste, ihn in seinem Sommerdomizil zu besuchen. Mittelpunkt seines Wiesbadener Freundeskreises war natürlich die Familie von Beckerath, die eine Stadtwohnung in der Adolfsallee 23 hatte. Der eifrige Fußgänger Brahms konnte sie von seinem Quartier aus leicht erreichen. Zahllose Abende jenes Sommers waren mit Hausmusik ausgefüllt, wie das Tagebuch der Laura von Beckerath verrät. Brahms konnte dann fröhlich und ausgelassen wie ein Kind sein, denn im Gegensatz zu seinen Konzertreisen, die er als notweniges Ubel betrachtete, liebte er das Musizieren im familiären Kreis. Zudem waren die von Beckeraths ja gute Dilettanten und durchaus befähigt, mit dem Meister zusammenzuspielen. Andere Freunde, wie der Bariton Julius Stockhausen und Clara Schumann, kamen aus Frankfurt hinzu, um in Wiesbaden oder Rüdesheim die musikalische Runde zu erweitern. Gemeinsam unternahm man lange Ausflüge auf die Platte und in den Taunus. Auch die Stadt Wiesbaden, damals schon ein weltberühmter Kurort mit 52.000 Einwohnern und 80.000 Gästen jährlich, bot Gelegenheit zur Entspannung. Brahms, der einfache Gasthäuser bevorzugte, kehrte oft und gerne im "Bierstädter Felsenkeller" ein, wenn besserer Besuch da war, ging man in den "Nonnenhof" oder ins "Beausite" am Fuße des Neroberges.

Zur offensichtlich heiteren Stimmung des sonst eher brummigen Komponisten hat sicher auch Hermine Spies beigetragen. Die damals 26 Jahre alte Sängerin mit der wundervollen Altstimme hat Brahms schon im Frühjahr 1883 in Krefeld beeindruckt, wo er sie als Schülerin von Julius Stockhausen kennenlernte. Die in Wiesbaden engagierte Künstlerin war diesen Sommer häufig zu Gast bei den Abenden, die Brahms musizierend im Kreise seiner Freunde verbrachte. Hier ist nicht der Ort, festzustellen, welches seine Gefühle für Hermine und welches seine Absichten waren. Er selbst war in persönlichen Dingen immer sehr schweigsam. Sicher ist, daß ihre Schönheit, ihre Jugend und ihr heiteres Wesen den Fünfzigjährigen faszinierten und daß beide eine innige Zuneigung verband. Brahms bezeichnete sich oft im Scherz als ihr "Schwiegervater" und sie nannte ihn ihre "Johannespassion". Schnell entstanden im Freundeskreis Gerüchte über eine geplante Heirat, doch Hermine Spies verwahrte sich in einem Brief an die gemeinsame Freundin Maria Fellinger gegen diese Unterstellung: " Was Sie da von Brahms in Bezug auf mich schreiben, das ist ein Irrtum... Er mag mich ja ganz gut leiden, denn ich singe seine Lieder nicht schlechter als andere... Aber - daß er mir gehört, das muß ich von mir abwälzen"

Und Brahms klagte zwar bei seinen Rüdesheimer Freunden öfter über seine Ehelosigkeit. So ist durch Laura von Beckerath der Abend des 5. September 1883 überliefert, an dem auch Hermine Spies teilnahm. Brahms seufzte nach der Vorführung seines Trios C-Dur mit einem Seitenblick auf die Sängerin: "Ach, ich armer unverheirateter Mensch." Doch es wäre allerdings verfehlt, aus dieser Äußerung zu schließen, er hätte sich mit konkreten Heiratsabsichten getragen. Zu diesem Zeitpunkt seines Lebens hatte er vermutlich schon beschlossen, nie eine Ehe einzugehen. "Habe ich Ihnen nie von meinen schönen Prinzipien gesprochen?", schreibt er 1888 an Joseph Viktor Widmann, "Dazu gehört: Keine Oper und keine Heirat mehr zu versuchen."

Der Friedhof

"Lieber Brahms! Die Überbringerin dieser Zeile, Fräulein X, ist nicht ohne weiteres hinauszuwerfen, sondern ernst zu nehmen. Fördere sie nach Kräften", lautete ein Einführungsbrief des Freundes Ferdinand Hillter. Hätte Hugo Wolf einen solchen Fürsprecher gehabt, wäre es ihm weniger übel ergangen, als er Brahms ein Lied von sich schickte mit der schüchtern angefügten Bitte, der Meister möge das Stück durchsehen und ein Kreuz machen an den Stellen, die ihm nicht gelungen schienen. Brahms ließ das Notenblatt retournieren mit den Worten: "lch kann Ihnen doch keinen Friedhof einrichten."


Freunde wie die Familie von Beckerath ersetzten den bürgerlichen Hausstand, den er, der oft auf Reisen war und völlige Unabhängigkeit für sein künstlerisches Schaffen brauchte, nie gründete. Keiner dieser Vertrauten wußte allerdings, woran der Frühaufsteher in der Geisbergstraße arbeitete. Seine Zimmerwirtin hatte strengste Anweisung, niemanden in sein Arbeitszimmer zu lassen. Erst nach seiner Abreise im Oktober lüftete er das Geheimnis und gab bekannt, daß er in Wiesbaden seine neue Symphonie vollendet und ausgearbeitet hatte. Bei seinen Rüdesheimer Freunden entschuldigte er sich für sein Schweigen mit einem 32seitigem Brief und den Noten für ein vierhändiges Klavierarrangement der Symphonie, das für die Beckerathschen Hausmusikabende gedacht war. Wenn er in dem Ankündigungsbrief an seinen Verleger Simrock auch noch ironisch von einem "Symphoniechen" und der "unnützen Symphonie" sprach, so erlebte dieses Werk in Wien eine triumphale Uraufführung am 2. Dezember 1883 mit den Wiener Symphonikern unter Hans Richter.

Wiesbaden, der Ort, an dem sie entstanden ist, wird diese Symphonie als erste Stadt unter dem Dirigentenstabe des Komponisten hören. Das Kurorchester wurde eigens für diese Aufführung am 18. Januar 1884 auf 60 Musiker verstärkt. Clara Schumann, die der Generalprobe und dem Konzert beiwohnte, nannte diese Symphonie eine "Waldidylle" und hörte im zweiten Satz "die kleine Waldkapelle, das Rinnen der Bächlein, Spielen der Käfer und Mücken." Waren dies Erinnerungen an die Wälder des Taunus?

Obwohl Brahms nie wieder für längere Zeit nach Wiesbaden zurückkehrte, dachte er öfter wehmütig an die dort verlebten unbeschwerten Monate. Und seine Freundschaft mit den Beckeraths hielt bis an sein Lebensende. Immer wieder ergab sich in den folgenden Jahren die Gelegenheit, die Freunde bei kurzen Besuchen in Wiesbaden oder Rüdesheim und auf Konzerten am Rhein zu treffen. Auch nach dem Tod von Rudolf von Beckerath im April 1888 riß der Kontakt zu seiner Frau Laura nicht ab. Einer der Söhne, Willy von Beckerath, wurde Kunstmaler und schuf eine Reihe von Bildern, die zu den besten Darstellungen von Brahms gehören. Daß der Komponist immer eine ganz besondere Beziehung zu Wiesbaden und dem Rheingau hatte, verdeutlicht eine Anekdote aus seinen letzten Stunden. Ob sie wirklich stimmt, ist nicht bekannt, man weiß aber, daß er den Rheingauer Wein sehr schätzte und auch 1897, wie schon so oft, eine Sendung mit köstlichen Proben des Rüdesheimer Weinkellers erhielt. Am 3. April, seinem Todestag, klagte er morgens über Durst. Sein Arzt reichte ihm ein Glas mit Rheingauer Wein, das er langsam austrank. Dann sagte er mit einem Ausdruck genußvollen Behagens: "Ach, das schmeckt schön!"

Katarina Poetsch


Als der Wiesbadener Kurdirektor von Ebmeyer am 7. April 1911 Post vom Kölner Generalmusikdirektor Fritz Steinbach erhielt, konnte er zweifellos nicht ahnen, was da auf ihn zukam: die Organisation des zweiten Deutschen Brahms-Festes!

Bereits 1909 hatte die Deutsche Brahms-Gesellschaft, drei Jahre zuvor in Berlin gegründet, in München ein Brahms-Fest veranstaltet und plante nun, ermutigt durch den großartigen Erfolg, im kommenden Jahr eine Wiederholung. Diesmal, so berichtet Steinbach, sei die Kurstadt Wiesbaden in die nähere Auswahl der Veranstaltungsorte gerückt, und er bittet die Kurverwaltung um Stellungnahme. Von Ebmeyer reagiert, in Absprache mit der Kurdeputation, zögerlich. Zwar sei man von der Idee recht angetan, halte auch das Kurhaus durchaus für einen würdigen Rahmen, und das Kurorchester in der Lage, sich an der instrumentellen Ausgestaltung zu beteiligen – allein, wofür man nicht garantieren könne, sei das Publikum: ...daß man befürchten müsse, daß selbst unter Berücksichtigung der hier weilenden Kurfremden der Besuch der Konzerte hinter den Erwartungen zurückbleiben würde. ... Die Erfahrungen, die wir vor zwei Jahhren, mit einer sogenannten Richard Strauss-Woche gemacht haben, haften noch zu lebhaft in aller Gedächtnis. Das Interesse war klein, das Defizit recht groß. Ich selbst fühle, trotz des lebhaften Wunsches, das Fest in Wiesbadens Mauern gefeiert zu sehen, die Pflicht, auf diese Eventualitäten aufmerksam machen zu müssen, denn nichts wäre mir peinlicher, als wenn ihre Erwartungen enttäuscht würden und ihr Aufwand an Mühe, Zeit und Arbeit in Wiesbaden nicht den nötigen Wiederhall fände. Diese Gefahr liegt aber unzweifelhaft vor, da ja nicht ausgeschlossen ist, daß die kleine hier in Betracht kommende Gemeinde, selbst unter Berücksichtigung des zu erwartenden auswärtigen Besuches, doch nicht ausreichend sein dürfte, ein so großes musikalisches Unternehmen entsprechend zu unterstützen. Da drängt sich also die Frage ganz von selbst auf, ob die Brahms-Gesellschaft es mit Wiesbaden versuchen will auf die Gefahr hin, daß ein größeres Defizit entsteht, oder ob es nicht ratsamer ist, zur Vermeidung dieser Möglichkeit, das Augenmerk auf eine Großstadt zu lenken, deren Einwohnerzahl derartige Befürchtungen ausschließt". Nachzulesen sind die hier zitierten Briefe und eine ganze Reihe weiterer in der Akte "Brahms-Fest", die heute das Wiesbadener Stadtarchiv aufbewahrt.

Die Brahms-Gesellschaft scheint von dieser skeptischen Einschätzung nicht sehr beeindruckt gewesen zu sein. Mitte Juni wendet sich Regierungsrat a.D. von Chrzescinski, von der Berliner Brahms-Gesellschaft mit der Organisation des Festes betraut, erneut an Ebmeyer: Wiesbaden sei d i e Feststadt par excelence, schreibt er, und wegen seiner Lage, Schönheit und der ausgezeichneten Stadt- und Kurverwaltung hervorragend für die Ausrüstung des Festes geeignet. Das mag von Ebmeyer geschmeichelt haben. Dazu kam die für die Stadt recht günstige finanzielle Kalkulation. Alles, was man verlangte, war, neben der unentgeldlichen Bereitstellung des Kurhaussaales und der Beteiligung des Kurorchesters, ein Garantiefond von 5000 Mark, der nur im Falle eines Defizites in Anspruch genommen werden sollte. Insgesamt rechnete man mit Kosten von rund 20.000 Mark für Orchesterverstärkung und Solisten, Reise- und Aufenthaltskosten, Druckkosten, Reklame etc. Den Stadtkämmerern zur Beruhigung wies Chrzescinski darauf hin, daß in München, wo man ähnliche Vereinbarungen mit der Stadt getroffen hatte, der Garantiefond nicht angegriffen worden war. Stattdessen hatte man die Stadt noch am Überschuß beteiligen können. All dies genügte offensichtlich, um Ebmeyers Bedenken zu zerstreuen. Er sagte zu, verpflichtete allerdings die Brahms-Gesellschaft vorher noch zur Übernahme der Kosten für Beleuchtung, Reinigung und Bedienung des Konzertsaales und der Gage für die Militärkapelle, die das Kurorchester während der Zeit des Festes in seinen regulären Veranstaltungen vertreten sollte – zusammen etwa 3000 Mark. Nun stand der konkreten Planung nichts mehr im Wege: Dauer (man schwankte lange zwischen drei und fünf Tagen), Termin, Programmgestaltung, Karten- und Abonnement-Verkauf, Preise und vieles andere mußte bedacht und entschieden werden. Zwar war für die Organisation hauptsächlich der Vorstand der Brahms-Gesellschaft und für den Kartenverkauf in ganz Deutschland das Konzertbureau Emil Gutmann, Berlin – München, zuständig, doch gab es noch genug Arbeit in Wiesbaden. Wo bringt man Chor und Orchester unter, wie ist die Bühne des Kurhaussaales zu gestalten, wo werden Plakate ausgehängt, wer erhält Prospekte?

Daß es dabei nicht ganz ohne Mißverständnisse und Differenzen abging, läßt sich leicht ausmalen. Unter anderem waren da zwei Orchester, das Gürzenich-Orchester aus Köln, dessen Dirigent Steinbach die künstlerische Gesamtleitung des Festes innehatte, und das Wiesbadener Kurorchester, das, wenn auch nicht mit dem heutigen Kurorchester vergleichbar, deutlich niedrigeres Niveau hatte. Dennoch wollte man die gastgebende Stadt nicht gerne kränken, indem man ihr Orchester verschmähte, und andererseits mußte man ja auch scharf kalkulieren und jeder Kölner Musiker, der zuhause blieb, kostete kein Geld. Schließlich einigte man sich darauf, ein gemeinsames "Fest-Orchester" von 110 Musikern anzukündigen. Steinbach konnte da ganz großzügig sein: Ich möchte sie nämlich bitten, der Kurdirektion vorzuschlagen, daß bei der Bekanntmachung einfach gesagt wird: Das Orchester besteht aus dem Städtischen Kurorchester und dem Gürzenich-Orchester Köln. Wann dann das Wiesbadener Orchester allein oder als Verstärkung mitwirkt und umgekehrt das Kölner Orchester, braucht gar nicht gesagt werden. (N.B. das Publikum wird es auch so merken).

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Wer sitzt in der Kaiserloge

Auch den Verkauf der Karten für die öffentlichen Generalproben übernahm die Kurverwaltung – er sollte allerdings erst einsetzen, wenn die Konzerte ausverkauft sind. Dies konnte die Wiesbadener Zeitung am 15. März 1912 berichten: Das 2. Deutsche Brahmsfest ist ausverkauft. Erworben hatten die Karten, meist als Abonnement, vor allem Brahms-Freunde und Mitglieder der Brahms-Gesellschaft aus ganz Deutschland, so daß später in der Berichterstattung beklagt wird, daß ein Großteil der Wiesbadener Musikfreunde und Brahms-Liebhaber keine Plätze mehr erhalten konnten und die Generalproben besuchen mußten, wollten sie überhaupt an dem großen Musikereignis in ihrer Stadt teilnehmen. Fast wäre dies auch dem Wiesbadener Oberbürgermeister von Ibel passiert. Erst im April 1912, als bereits alles ausverkauft war, stellte man fest, daß durch ein Mißverständnis zwischen der Kurdirektion und dem Konzertbureau der Oberbürgermeister vergessen worden war. Glücklicherweise konnte das Problem durch die Umplazierung einiger anderer Ehrengäste doch noch gelöst werden – allerdings vermehrt dieser "Zwischenfall"die Akte "Brahms-Fest" um einige weitere Briefe. In diesem Zusammenhang stellte sich auch heraus, daß die Kaiserloge bislang frei geblieben war. Mit Recht fragt sich Chrzescinski: Muß diese Loge frei bleiben, auch wenn der Kaiser nicht kommt? was anzunehmen ist. In der Tat, der Kaiser, ansonsten des öfteren Gast des Wiesbadener Theaters, interessierte sich nicht für das Brahms-Fest. Daraufhin bot man seine Loge der ranghöchsten Fürstlichkeit an, dem Prinzen Friedrich Wilhelm von Preußen, dessen Anmeldung ebenfalls erst verspätet eingetroffen war. Woraus zu sehen ist: fürstliche Gäste (u.a. die Erbprinzessin von Anhalt, die Prinzessin von Sachsen-Meiningen, die Prinzessin zu Wied, der Landgraf und die Landgräfin zu Hessen) schmückten nicht nur das Fest, sondern bereiteten den Organisatoren einige Probleme.

Am Sonntag, den 2. Juni 1912 war es dann endlich so weit: das 2. Deutsche Brahms-Fest konnte beginnen – wenn auch bei wenig festlichem Wetter: Regenwolken verhüllten zu allen Stunden den Himmel, der von Zeit zu Zeit seine Schleusen öffnete, wie zur "Vergießung" der Festgäste. Ihrer Vorfreude hat das wahrscheinlich wenig Abbruch getan.

Requiem aus 220 Kehlen

Auf dem Programm des Eröffnungs-Konzertes standen das "Schicksalslied" für Chor und Orchester, op. 54, das Deutsche Requiem und das d-Moll Klavierkonzert, op. 15, mit dem Brahms selber 1876 in Wiesbaden konzertiert hatte – allerdings nur mit mäßigem Erfolg. Im Gegensatz zu damals konnte Artur Schnabel an diesem Abend das Publikum begeistern. Stärker aber noch zeigte es sich anscheinend beeindruckt von dem aus 220 Mitgliedern bestehenden Gürzenich-Chor: nur das geschickte Eingreifen des Dirigenten konnte verhindern, daß es zwischen den einzelnen Sätzen des Requiems zu Beifallsbekundungen kam. Überhaupt weiß der Kritiker der Wiesbadener Zeitung nach jedem Konzert von neuem von der überschäumenden Begeisterung des Publikums und dem nicht enden wollenden Jubel, der den Saal durchbrauste, zu berichten.

In vier Orchester- und einem Morgenkonzert boten die Veranstalter den Brahms-Freunden ein umfangreiches Programm, in dem die Vokalmusik in wechselnder Besetzung einen breiten Raum einnahm. Als Ausführende hatte man neben dem Gürzenich-Chor den Dessoffschen Frauenchor aus Frankfurt, Jeanette Grumbacher-de Jong, Mintje Lauprecht von Lammen (beide Sopran), Flore Kalbeck (Alt), Paul Reimers (Tenor) und Prof. Johannes Messchaert (Baß) engagiert. Zu hören waren außer dem Requiem und dem Schicksalslied die Vertonung von Schillers Nänie für Chor und Orchester, op. 82; die Gesänge für Frauenchor mit Begleitung von 2 Hörnern und Harfe, op. 17; sechs Romanzen für Frauenchor a cappella, aus op.44; die Fest- und Gedenksprüche für achtstimmigen Chor a cappella, op. 109; die Vier Ernsten Gesänge für eine Baßstimme, op. 121; die Liebeslieder-Walzer für vier Singstimmen und Klavier zu vier Händen, op. 65 und noch einige Gesangsquartette und Lieder mit Klavierbegleitung. Im Vergleich dazu erscheint die Kammer- und Klaviermusik Brahms` unterrepräsentiert: allein die Sonate für Klavier und Violoncello e-Moll, op. 38; das Klaviertrio c-Moll, op. 101 wurden im Morgenkonzert gespielt. Dagegen verzichtete man nicht auf die Aufführung aller vier Symphonien, die unter der Leitung von Fritz Steinbach zu Höhepunkten des Festes wurden. Einen weiteren Höhepunkt bildete zweifellos die Interpretation des Konzertes für Violine und Violoncello C-Dur (sic!), op. 102 durch Fritz Kreisler und Hugo Becker. Mit Fritz Kreisler (1875-1962) und Artur Schnabel (1882-1951) sind auf dem Wiesbadener Brahms-Fest von 1912 zwei Künstler vertreten, die zu den größten ihrer Zeit gehören. Kreisler, der Geigenvirtuose aus Wien, unternahm bereits 1888 seine erste Amerika-Tournee, der später noch viele andere folgten.

Schnabel erregte zuerst Aufsehen mit Brahms und Schubert, um dann der große Beethovenspieler zu werden. Als solcher ist er bis heute unvergessen. In späteren Jahren spielte er nur selten noch – wenn überhaupt – romantische Literatur. Nicht zuletzt ihre Mitwirkung macht das 2. Deutsche Brahms-Fest zu einem künstlerischen Ereignis ersten Ranges. Hervorgehoben werden muß aber auch das Engagement Fritz Steinbachs, der nicht nur die musikalische, sondern auch die organisatorische Hauptlast zu tragen hatte. Alles in allem konnten sowohl die Künstler als auch die Deutsche Brahms-Gesellschaft als Veranstalter höchst zufrieden sein. Ganz zu schweigen von den auswärtigen und Wiesbadener Brahms-Freunden! Die Skepsis, die der Kurdirektor von Ebmeyer zu Beginn an den Tag gelegt hatte, erwies sich als völlig unbegründet – es wurde sogar ein finanzieller Überschuß "eingespielt". So mag man vielleicht schon 1912 mit dem Gedanken gespielt haben, ein weiteres Brahms-Fest in Wiesbaden stattfinden zu lassen. Dazu ist es dann allerdings erst nach dem Weltkrieg im Jahre 1921 gekommen.


Bärbel Schwitzgebel


Im Jahre 1906, neun Jahre nach Brahms` Tod, wurde in Berlin die Deutsche Brahmsgesellschaft gegründet. Deren Anliegen war es, die Erinnerung an Brahms wach zu halten und durch Aufführungen, Herausgabe seiner Werke, Briefe und Biographien sein Erbe zu hüten, "seine künstlerische und menschliche Persönlichkeit in dem Edelsten ihres Wesens seinem Volke näherzubringen." Zu ihren Aufgaben zählte u.a. die Ausrichtung der drei Brahms-Feste 1909 (Berlin), 1912 (Wiesbaden) und 1917 (Berlin), die mit großem Erfolg und viel Publikumszuspruch Brahms` Werke in der Interpretation bedeutender und bekannter Künstler zur Aufführung brachten.

Für das Jahr 1921 plante die Brahmsgesellschaft erneut ein Brahms-Fest und wählt wieder das Wiesbadener Kurhaus zum Veranstaltungsort, da man hier vor neun Jahren nur gute Erfahrungen mit Veranstaltern und Publikum gemacht hatte. Zudem konnten die Erinnerung an Brahms` "Wiesbadener Sommer" und die reizvolle Umgebung die Attraktivität des Festes nur steigern.

Diese Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Die Konzerte fanden großen Zuspruch und der Kritiker der "Wiesbadener Zeitung" konnte berichten, daß zwar "keine aufreizenden Sensationen", dafür aber "ein Fest der Herzen und – was die Ausführung der Werke betrifft – der Vollgenuß vornehmster Höhenkunst geboten wurde. Das scheint in einer Zeit, die von politischen und wirtschaftlichen Wirren betroffen nach Ruhepolen, aber auch nach "nationalen" Ereignissen suchte, sehr viel gewesen zu sein. Man empfand Brahms als einen, der wie wenige "durch die Macht seines Tonausdrucks immer wieder Trost und Festigkeit, Hoffnung und Zuflucht in die Herzen zu setzen vermochte."

Die künstlerische Leitung des Festes teilten sich Wilhelm Furtwängler und Carl Schuricht. Schuricht, 1880 in Danzig geboren, kam 1911 als Erster Dirigent des Städtischen Orchesters nach Wiesbaden, wo er in wenigen Jahren aus einem mittelmäßigen "Kurorchester" ein Orchester machte, das mit einem anspruchsvollen Repertoire hohen künstlerischen Anforderungen genügen konnte.

Musikfeste mit klassischem, romantischem oder modernem Programm machten unter seiner Leitung Wiesbaden zu einer international anerkannten Musikstadt. Nur wenige Wochen vor dem 4. Brahms-Fest fand in Wiesbaden das 1. Deutsche Mahlerfest (23.-25.April) statt. Mußte man 1912 beim ersten Wiesbadener Brahms-Fest noch das Gürzenich-Orchester aus Köln und seinen Dirigenten Fritz Steinbach zur "Verstärkung" einladen, waren diesmal allein das Städtische Orchester und 50 Mitglieder der Staatskapelle Wiesbaden beteiligt.

Für das Eröffnungskonzert entschied man sich für die 3. (die "Wiesbadener") Symphonie und das Deutsche Requiem, zu dessen Aufführung eigens ein Chor aus Mitgliedern des Cäcilien-Vereins Wiesbaden, des Rühl`schen Gesangsvereins Frankfurt, den Schuricht von 1909 – 1911 geleitet hatte, und weiteren Wiesbadener und Mainzer Gesangvereinen zusammengestellt worden war.


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In vierzig Proben bereiteten sie sich auf das Werk vor und es gelang ihnen, so hieß es, eine "schlechthin vollendete musikalische Wiedergabe".

Das Programm setzte sich an den folgenden Tagen mit weiteren Orchesterwerken und Kammermusik von Brahms fort.


Zu hören waren die Haydn-Variationen und die Symphonien Nr. 1 und Nr. 4 unter Furtwängler, das Doppelkonzert op.102, das Klavierkonzert in B-Dur, das Klarinetten-Quintett op.115, das Klavierquintett op.34, das Streichsextett B-Dur, die Rhapsodie für Altsolo und Männerchor und andere Chor- und Liedwerke. Beteiligt daran waren Solisten und Künstler von Rang und Namen. Neben Wilhelm Furtwängler konzertierten das Adolf Busch Quartett (A. Busch, Görta Andreasson, Karl Doktor, Paul Grümmer), der Schweizer Pianist Edwin Fischer und die Altistin Sigrid Onegin, die vor allem als Wagner-Sängerin bekannt geworden ist.
Kein Wunder also, daß ein Kritiker abschließend resümierte:

"So liegt nun eine Fülle unvergeßlicher künstlerischer Erlebnisse hinter uns, der tatkräftige Idealismus aller Mitwirkenden vereinigte sich zu solchen schöpferischen Taten, die in der Seele aller Hörer noch lange nachwirken werden."



Bärbel Schwitzgebel
(aus: Brahms-Gesellschaft Wiesbaden e.V., Almanach II.)